Vorwärts - Abwärts

Immer wieder hört man Vorwärts-Abwärts. Dehnungshaltung. Aber nicht zu tief. Maximal bis zum Buggelenk. Sonst läuft das Pferd ja auf der Vorhand. Und die geht dann kaputt. Oder? Und mit aktiver Hinterhand bitteschön. Aber nicht davon eilend. Was denn nun?

Der Grundsatz Vorwärts-abwärts wird viel zu oft falsch verstanden oder ganz missachtet. Die einen Reiter wollen unbedingt eine tiefe Kopf-Hals-Haltung, oder eine enge. Weil man das so macht. Die anderen wollen dem Pferd im Maul nicht weh tun und haben immer einen vermeintlich weichen Zügel, der eher durchhängt und wenn überhaupt verwaschene Paraden gibt.

Fest steht: beide schaden ihrem Pferd!

Warum das so ist möchte ich hier mal stark gekürzt erklären. Ein paar anatomische Details bleiben uns hier nicht erspart :-)

Der Grundsatz sollte sein: wir wollen unser Pferd so reiten, dass es möglichst lange gesund bleibt.

Dafür muss der Rücken den Reiter tragen können.

Aufwölbung

Dieses kann der Rücken nur, wenn er aufgewölbt ist. Sprich das Pferd macht einen runden Rücken.

Dies geschieht zum einen durch Anspannung von Bauchmuskeln. Zum zweiten durch das lange Rückenband, wird an diesem von vorne Zug ausgeübt, richten sich die Dornfortsätze der Wirbelsäule nach vorne auf.

Das lange Rückenband verlängert sich nach vorne und setzt am hintersten Teil des Schädels an.

Wenn der Schädel sich nun senkt, wird Zug auf das Band gebracht und der Rücken wölbt sich auf. So kann der Reiter zunächst über das Knochengerüst (die Wirbel) getragen werden.

Der Hals dient also als Balancierstange. Der Reiter sollte möglichst dicht am Widerrist sitzen. Sonst hat der Hals / Nacken Schwierigkeiten den Rücken anzuheben, da der Hebelarm vom Widerrist aus betrachtet zu lang ist.

Falsch dagegen ist es, wenn das Pferd versucht den Reiter über die Anspannung des langen Rückenmuskels zu tragen. Der Rücken drückt sich durch. Der Rückenmuskel bildet sich durch die dauerhafte Anspannung zurück. Die Unterlinie weitet sich, Vorder- und Hinterbeine entfernen sich voneinander und bewegen sich nicht mehr frei. Ergebnis: kleine, hölzerne Schritte und ein unangenehmes Sitzgefühl.

Langfristige Folgen: Kissing spines, Überlastung der Vorhand, Wechselnde Lahmheiten, Hufrolle, Sehnenprobleme, Hufgelenksentzündungen, Magengeschwüre durch dauernden Schmerz, Lungenprobleme durch fehlende Durchatmen (Rippen können sich nicht mehr frei bewegen durch festen Rückenmuskel) etc. ….

Über das Rückenmark / die Nerven werden bei durchgedrücktem Rücken auch die Organe beeinträchtigt und damit das ganze Pferd (mehr dazu im Blogeintrag: die arterielle Regel oder warum eine Blockade des Rückens nicht nur schlecht fürs Reiten ist / October 14, 2016 )

Viele Pferde bewegen sich leider ein Leben lang so unter dem Reiter.

Andere Pferde werden zwar sehr eng im Hals geritten aber dabei lassen sie sich nicht aus dem Widerrist fallen – auch hier ist der Rücken faktisch durchgedrückt und falsch beansprucht.

Also: das Pferd muss sich in die Tiefe dehnen.

Aber wie genau?

Wichtig sind hierbei:

geöffneter Ganaschenwinkel (Pferd vor oder an der Senkrechten),

untere Halsmuskulatur darf dabei nicht arbeiten/ ist locker.

Es lässt sich aus dem Widerrist heraus fallen.

Locker pendelnder Schweif, gleichmäßiger Takt in dem das Pferd Zeit hat seine vier Beine vor zu schwingen und auszustrecken.

Was passiert dann?

Im Laufe der Ausbildung entwickelt das Pferd mehr Kraft in den Nackenmuskeln. Es kann den Kopf heben und trotzdem das lange Rückenband dehnen/ den Rücken aufwölben, da die Nackenmuskeln die vordersten Brustwirbeldornfortsätze nach vorne ziehen.

Dann haben wir also eine gute Arbeitshaltung bei aufgewölbtem Rücken.

Wie tief und wie lange?

Dies ist von dem Körperbau des einzelnen Pferdes abhängig und ein erfahrener Reitlehrer sollte gut einschätzen können, wie tief ein Pferd gehen kann und sollte. Ob bis zum Buggelenk oder tiefer – diese Kriterien sind nur bei Bilderbuchpferden angebracht aber die meisten Pferde entsprechen nicht dem Ideal.

Ein kurzer Rücken oder kurzer Hals, tiefer oder hoher Halsansatz – all das spielt hierbei eine Rolle. Macht euch darüber aber nicht zuviele Gedanken, denn am wichtigsten ist hierbei:

Das Pferd muss jederzeit und aus jeder Situation IN DER LAGE SEIN sich SOFORT aus dem Widerrist fallen zu lassen und an den Zügel heran zu dehnen, wenn der Reiter das möchte.

Nur dann ist der Rückenmuskel locker, nur dann war alle vorherige Arbeit sinnvoll!

Funktioniert das – super.

Wenn nicht – sollte ein guter Reitlehrer (der eben diese Biomechanik auch versteht!) euch und eurem Pferd den Weg in die Tiefe und die Reiterhilfen dazu erklären.

Dementsprechend sollte auch die Dauer des vorwärts-abwärts individuell betrachtet werden.

Grundsätzlich kann ein Muskel nicht 60 Minuten durchgängig Haltearbeit leisten.

Probier das einmal aus: nimm eine volle Wasserflasche in die Hand und strecke den Arm gerade nach vorne. Ziemlich einfach zunächst, aber ich wette, dass du die Flasche keine Minute mit gestrecktem Arm halten kannst.

Ähnlich geht es dem Pferd: wir können nicht eine volle Reitstunde mit angespannten Nackenmuskeln in Aufrichtung reiten. Die Muskeln müssen sich auch wieder dehnen und entspannen können, erst dann wachsen sie richtig. Das heißt das wir mindestens alle 5 Minuten wieder Dehnung zulassen müssen, gerne öfter.

Das andere Extrem: 60 Minuten mit Nase im Sand. Die Hebelwirkung führt zur vermehrten Belastung der Vorhand, langfristig mit Überlastungsschäden.

Das heißt aber nicht, dass es schlecht ist mit so tiefer Kopfposition zu reiten. Nur eben nicht dauerhaft!

Also: Macht euch nicht verrückt.

Zeitweise 20 cm zu tief sind kein Problem und definitiv besser als dauerhaft 20 cm zu hoch.

Bringt eurem Pferd bei nachgiebig im Genick zu sein und sich gerne in die Tiefe zu dehnen. Bleibt dran und lasst es nicht mit Nase im Wind durch das Gelände laufen – es schadet dem Tier auch wenn der Zügel dabei noch so weich oder durchhängend ist!

Wer es ganz genau wissen möchte:

„Der Reiter formt das Pferd“ von Udo Bürger und Otto Zietzschmann. Hier wird auch die Beteiligung des Rückenmuskels erklärt, der Zusammenhang zur Hinterhand etc...

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